Die Event Gastronomie

Aktualisiert: 5. Juli 2020

Die Catering- und Eventbranche ist definitiv das mit weitem Abstand härteste Metier in der Gastronomie.


Wo vor 12 Stunden noch 3500 Autos pro Tag vom Band liefen, erstrahlt jetzt eine in Firmenfaben illuminierte Fine-Dining-Location mit rotem Teppich und Blitzlichtgewitter,

VIP Alarm & Hostessen mit kompletter Restaurant- und Bar Landschaft inklusive einem internationalen 8-Gang Menü aus der umfunktionierten Firmenkantine. Dazu spielt die dafür eingeflogene Band aus New York Ihren One Hit Wonder und es dröhnen peitschende Beats und live Saxophon Töne durch die Halle. Durch den Abend führt kein geringerer als Thomas Gottschalk, und die Weinbegleitung wird von einem Hamburger Mastersommelier zelebriert. Dazu annonciert der renommierte TV Koch jeden Gang inklusive des kreativen Gedankenspiels zur Entdeckung der bevorstehenden Genusswelten auf seinem unterschriebenen Teller vom Künstler aus Aserbaidschan. 3 Euro pro kalkulierter Champagnerflasche gehen übrigens an Viva con Agua. Wer hier ist, hat es geschafft! Garantiert!

Are you really VIP?

Bei den Besten gilt die Devise - auf keinen Fall auffallen! Je dezenter desto VIP.

Die Hochzeit von Bill Gates und seiner bezaubernden Frau Melinda wurde im

hawaiianischen Four Seasons in Lanai zelebriert. Dem Hotel, in dem ich meine ersten internationalen Hotelmanagement Schritte lernen durfte. Die ersten Aufgaben des hauseigenen Catering Teams zur Vorbereitung der Hochzeit galten also dem kompletten ausbuchen aller Helicopter-Charter-Firmen auf allen 5 Inseln. Es sollte keinem einzigen Paparazzi möglich sein, ein Foto von den Gates oder Ihren Gästen zu mache, während der Open Air Zeremonie am 8. Loch des Jack-Nicklaus-Golf-Course direkt über dem Pazifischen Ozean.


Aber genauso gilt das Dienstleistungs-Credo für den Junggesellenabschied in der Winzerhütte auf der Zellinger Benediktushöhe. Ob ich 80 handwerklich perfekte, mit regionalen Zutaten belegte Stullen inklusive ausreichendem Bestand an Bacchus auf die entlegene und idyllisch, dennoch schlecht zugängliche, in den Weinbergen liegenden Winzerhütte - oder die Kiste 2008er Cristal von Louis Roederer mit kleinen blauen iranischen Malosol Döschen und Blinis in die nur mit Rivabötchen zu erreichende Strandlocation fahre - es ist doch jeweils das Gleiche -

packen und schleppen auf höchstem Niveau.


Wer sich hier über Jahre beruflich aufhält kann das bestimmt nachvollziehen. Es gibt wohl keinen Eventmanager oder Catering-Mitarbeiter, der nicht schon mindestens 100 Mal darüber nachgedacht hat, den Beruf zu wechseln und komplett auszusteigen.

Aber diese Jungs der Eventbranche sind keine normalen Gastronomen. Sie sind härter und auch ein wenig Eigener als Ihre Fachkollegen.

Es gibt wohl nichts körperlich und physisch unsympathischeres als der Catering- oder Eventservice in der Gastronomie.

Du musst echt ganz schön einen an der Latte haben!

Morgens den LKW beladen, 4 Stunden zur Location fahren, 2 Stunden aufbauen, 12 Stunden Event, Hotelbar & Nickerchen. Morgens 4 Stunden abbauen, 4 Stunden zurück fahren, 6 Stunden Produktion für den nächsten Tag. Nickerchen.

Der nicht unübliche Alltag dieser Hardcore Gastro Truppe scheint kein Ende zu nehmen.

Echte Roadies der Branche eben. Echte Helden in Ihrem eigenen Kosmos.


Und warum zur Hölle tut man sich das eigentlich täglich an? Nur selten verdienen die guten Küchenchefs in der Szene mehr als 3000 Euro Netto. Also weitaus weniger als ein Küchenchef in einem renommierten Restaurant mit einigermaßen geregelter Arbeitszeit, eingespieltem Team und einem festen Dach über dem Kopf. Das Geld kann es also nicht sein. Es muss tatsächlich irgendwas zwischen kulinarischer Freiheit und dem guten alten Roadtrip-Abenteuer Feeling sein.


Sterneköche spielen in dieser Liga eigentlich keine Rolle.

Sie fliegen vielleicht kurz ein oder stehen am Ende des Abends für ein Foto bereit.

Meist hetzten Sie im Hintergrund von Event zu Event. Aber ein 2* Sterne Menü in der alten Fabrikhalle für 250 Personen ist einfach logistisch, technisch und meist auch personell und finanziell nicht möglich.


Die wahren Helden dieser Branche sind die Ladies und Gentlemen, die das mobile Küchenzelt während strömenden Regen aufbauen, das Mise en Place in kalten, provisorischen Produktionsküchen vorbereiten, Tickets markieren, Lampen in schwindelnder Höhe ohne Sicherheitsposten aufhängen, Stühle und Tische durch die Gegend schleppen und Ihre Lebenszeit anstatt der Familie und Freunden oder Gesundheit Ihrer beruflichen Leidenschaft kosten- und zinsfrei schenken.


Respect & Chapeau!?



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